NZZ / Februar 2025
Es war einmal ein kleiner Junge in Albanien vor dem Fernseher, der eines Tages seinem Traum begegnete. So könnte sie beginnen, die Geschichte von Saimir Pirgu, dessen Biographie ohne Frage etwas Märchenhaftes an sich hat, magischer Erweckungsmoment, gute Geister und schicksalhafte Wendungen inklusive. Im Kern aber ist Pirgus Weg ein Lehrstück über die Kraft intrinsischer Motivation.
Mit 43 Jahren ist der Tenor heute international unterwegs und füllt die großen Opernpartien seines Fachs mit vielschichtigem Timbre, außergewöhnlicher Bühnenpräsenz und emotionaler Hingabe aus. Als er am 23. September 1981 in Elbasan auf die Welt kam, lag diese Zukunft in weiter Ferne. In Albanien herrschte eine kommunistische Diktatur und Pirgu kam in seiner Kindheit kaum über die Stadtgrenzen hinaus. Die Oper kannte in seinem Umfeld niemand, stattdessen erklang nationale Volksmusik auf den Straßen der Stadt und obwohl seine Eltern keinerlei musikalische Vorbildung hatten, übte die Welt der Klänge auf Pirgu schon früh eine magische Anziehungskraft aus. „Die Musik war von Anfang an in mir“, sagt Pirgu, der schon als Kleinkind zu singen begann und in der Vorschule als besonders talentiertes Kind für den Geigenunterricht angemeldet wurde. Wirklich warm geworden ist er in den folgenden zehn Jahren nie mit dem ihm auferlegten Instrument. Und doch: „Auch wenn das damals nicht mein Wunsch war, hat mir das Geigenspiel viel gebracht. Bei der Geige muss man extrem fein hören und den Klang erst einmal suchen – das hilft mir bis heute“, sagt Pirgu.
Seine wahre Berufung erkannte der damals 13-Jährige, als eines Abends eine Aufzeichnung des Auftritts der 3 Tenöre in den Caracalla-Thermen im Fernsehen lief. Was genau damals im Wohnzimmer in Elbasan passierte, lässt Pirgu noch heute um Worte ringen. „Ich sah da diese drei Männer, wie sie Opernarien sangen, sah den Dirigenten und die Bewegungen seiner Hände, sah das begeisterte Publikum und war einfach komplett gefangen von diesem Erlebnis“, erzählt Pirgu. Alles daran sei neu für ihn gewesen und wie im Fieber habe er die Tage danach versucht, die Sänger zu imitieren. „Damals entstand der Traum in mir, irgendwann einmal einer von ihnen zu sein“, erzählt Pirgu. Gepackt von dieser Vision, hat er seinen weiteren Weg geplant und sich schließlich fürs Studium in Bozen beworben. Seine Eltern haben ihm vertraut und ihn unterstützt. „Aber sie kannten meine Welt nicht. Dadurch war ich zwar komplett frei, aber auch alleine in meinen Entscheidungen“, erzählt Pirgu.
Der Kaltstart in Italien war entsprechend schwierig und Pirgu arbeitete als Küchengehilfe, um sein Leben zu finanzieren. Mit Vito Brunetti fand er einen Professor, der ihm die Augen öffnete, wie Pirgu im Rückblick sagt. „Mein Lehrer hat mir früh gesagt: Du hast eine schöne Stimme und großes Talent – jetzt lerne so viel wie möglich, denn das Talent reicht nur kurz und wenn du Erfolg hast, darfst du die Menschen nicht enttäuschen.“ Pirgu hat Brunetti damals beim Wort genommen und schnell verstanden, wovon er redet. „Erst einmal denkt man, man ist der größte Sänger der Welt. Dann macht man seine ersten Erfahrungen, hört andere und merkt: so einfach ist das nicht“, sagt Pirgu und lacht. Nach zwei Jahren Studium nur schickte Brunetti seinen Zögling auf die Bühnen, um dort „100mal mehr zu lernen als wenn du noch weiter studierst“, wie Pirgu sagt. Sein Lehrer sollte Recht behalten, schließlich traf Pirgu rasch auf Künstler wie Nikolaus Harnoncourt, Riccardo Muti oder Claudio Abbado. An jeder Begegnung mit diesen Musikern sei er selbst gewachsen. „Ich hätte diese Karriere nie gemacht, wenn ich diesen Menschen nicht begegnet wäre“. Über allen aber steht für Pirgu bis heute Luciano Pavarotti als verehrtes Idol und Anspruch zugleich.
Dass er selbst heute zu den gefragtesten Vertretern seines Faches zählt, macht ihn demütig. „Es gab eine Zeit, in der ich Angst hatte, plötzlich aufzuwachen und zu realisieren, dass mein Leben gar nicht echt ist“, erzählt Pirgu. Mittlerweile hat er begriffen, dass sein Traum von einst tatsächlich Realität geworden ist, und spricht mit großer Dankbarkeit von dem „schwierigen und gleichzeitig ganz wunderbaren Leben“, das er führen dürfe. Im Gegensatz zu etlichen seiner Kollegen liebt er die ständigen Ortswechsel und das viele Reisen in seinem Beruf. „Ich durfte die Welt kennenlernen in den vergangenen Jahren. Wer in Freiheit und Vielfalt geboren wurde, kann womöglich nicht nachvollziehen, was für ein Glück das ist“.
Die Begeisterungsfähigkeit und das Staunen seiner Kindheit hat sich Saimir Pirgu bei aller Professionalität und Reife bewahrt und vielleicht sind es genau jene Facetten, die die besondere Intensität seiner Interpretationen ausmachen.
In Zürich hat er bereits als Pinkerton in „Madame Butterfly“ gezeigt, wie eindrücklich er es vermag, auch in abgründige Rollen zu schlüpfen. Nun gibt er den Renato Des Grieux in Puccinis Oper „Manon Lescaut“, einen der ambivalenten Frauenfigur komplett verfallenen Mann, der sich selbstlos aufopfert. „Des Grieux ist jung, ein bisschen naiv und wirft sich kompromisslos hinein in seine Liebe zu Manon“, sagt Pirgu. Wie Puccini das Drama dieser Liebe ausgestaltet hat, sei einzigartig. Der Komponist sei sehr jung gewesen, als er die Oper schuf, und habe sich offensichtlich nicht viele Gedanken darüber gemacht, was ein Sänger hierfür können müsse und wie herausfordernd das sei. „Er hat einfach voller Hingabe komponiert und das spürt man in jedem Moment. Da ist unglaublich viel wilde Leidenschaft, Freiheit und Kreativität in der Musik“, so der Interpret. Diese Wucht und Intensität auszuleben und ganz in die Rolle hineinzugehen bei gleichzeitig höchstem technischem Anspruch, sei ein extremer Balanceakt. „Du kannst auf offener Bühne von deinen Emotionen gekillt werden“, sagt Pirgu, schließlich sei er als Sänger emotional und musikalisch komplett involviert in die Musik und müsse auch als Schauspieler überzeugen. „Gleichzeitig darf ich nicht komplett die Kontrolle verlieren“.
Irgendwo zwischen Hingabe und Präsenz liegt für Pirgu das Geheimnis verborgen, das im schönsten Falle zu einem transzendentalen Wunder auf der Bühne führt. „Manchmal realisiere ich erst später beim Ansehen eines Mitschnitts der Aufführung, was ich da getan habe. Wenn ich ganz verbunden bin mit den anderen Musikern und dem Publikum, ist es, als ob ich meinen Körper verlasse“, sagt Pirgu. Ein surrealer Moment sei das. Fast wie im Märchen.